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Schnee

    Diese Geschichte ist wie eine doppelt gesicherte Stahltür, zu der ich keinen Schlüssel besitze. Ich finde einfach keinen Zugang. 
   
Sie gehört meiner Freundin. Trotzdem ist sie eine meiner Lieblingsgeschichten. Ich habe sie schon mehr als einmal gehört, aber das bringt mich in dieser Sache auch nicht weiter. 
    Sie handelt von ihr, als sie noch ein Kind war. Ich mag die Vorstellung, dass sie mal ein Kind gewesen ist und solche Geschichten erlebt hat. Sie spielt in dem Dorf, in dem sie ihre Kindheit verbracht hat. Die Geschichte gehört ins Jahr 1983, es ist Sommer und sie handelt von einem Schneesturm. 
    Zwischen der Geschichte und mir stehen so viele Jahre und Kilometer, dass es unmöglich scheint, an sie heranzukommen. Meine Freundin liegt jetzt in Berlin neben mir. Ich habe mich mit einer Taschenlampe unter die Bettdecke zurückgezogen, um das hier zu schreiben. Ich möchte nicht, dass sie sich in ihrem Schlaf gestört fühlt, nur weil ich nach dem Schlüssel für eine Geschichte suche, die ihr gehört. 
    Es fängt damit an, dass sie ihrer besten Freundin den Dachboden zeigt. Auf dem Dachboden liegen viele geheimnisvolle und vergessene und verbotene Dinge. Worauf es in dieser Geschichte ankommt, ist ein Sitzsack, der links neben der Einstiegsluke vor sich hindämmert. Er ist bis obenhin mit Styroporkugeln gefüllt. Er hat einen doppelten Reißverschluss, den man öffnen muss, um in ein Meer hunderttausender Styroporkugeln blicken zu können. 
    Die beiden beschließen einen kleinen Schneesturm zu veranstalten. Eine Idee von zwei Mädchen im Jahre 1983. Sie beginnen sehr bedächtig und konzentriert ihre Arme bis zu den Ellenbogen in den Sitzsack zu tauchen, um anschließend mit einem Arm voll Styroporkugeln zum Fenster zu gehen und ihn als Teil eines Schneesturms auf die Straße rieseln zu lassen.
    Es ist ein erhebendes Gefühl, an der Gestaltung des Wetters maßgeblich beteiligt zu sein. Sie lächelt immer auf eine sehr intensive Art, wenn sie in ihrer Erinnerung zurückblickt und Schnee auf einen Sommertag rieseln lässt. 
    An diesem Sommertag schneit es in einem kleinen Dorf in Hessen. Es schneit ungefähr zehn Minuten lang. Dann ist der Styroporkugelvorrat erschöpft und die beiden Mädchen gehen wieder runter in das Kinderzimmer, um mit den Holzfiguren Bauernhof zu spielen. 
    Das alles passierte, ohne dass die Weltöffentlichkeit davon Notiz nahm. Als ich einen großen Wälzer mit dem Titel ‘Historische Ereignisse im Jahre 1983’ durchblätterte, fand ich nicht den geringsten Hinweis auf einen zehnminütigen hessischen Sommerschneesturm. 
    Nun erscheint ihr Vater kurz auf der Bildfläche. Als er nach Hause kommt, ist er ein wenig verwirrt, weil sein Stammparkplatz von einer Schneewehe belegt ist. Er ist so lange verwirrt, bis seine Neugierde groß genug ist, um herauszufinden, wem dieser kleine private Schneesturm gehört. Die Styroporflocken haben sich elektrisch aufgeladen und hängen auch an Hauswänden, Dächern, Bäumen und Fenstern. Nach ein paar prüfenden Blicken die Straße rauf und runter, weiß er Bescheid. Mit einem jungenhaften Lächeln geht er ins Haus. 
    Am nächsten Tag finden sich zwei Schneemädchen auf der Straße wieder, ausgerüstet mit Schneeschiebern und Besen. Sie sollen die Straße passierbar machen. Dass sie beide Skianzüge, Schneestiefel und eine Pudelmütze tragen, ist ein kleiner Scherz der Eltern. Es ist eine langwierige und erschöpfende Arbeit bei 28° Grad im Schatten einen elektrisch aufgeladenen Schneesturm zusammenzukehren. Einige Flocken halten sich hartnäckig an ihrem Platz. 
    Sie werden erst zwei Wochen später von einem Gewitterregen weggewaschen. Dieser Regen spült die letzten sichtbaren Spuren dieser Geschichte an einen Ort, an dem sie nur noch der Erinnerung zugänglich sind. 
    Herbst 1998 liegt sie neben mir in Berlin und schläft auf ihre gutaussehende langbeinige Art. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben, wenn ich sie so neben mir liegen sehe. Sie träumt bestimmt nicht von Schneestürmen aus ihrer Kindheit. Sie wird mit ihren Gedanken ganz woanders sein.


 

 
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